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Sendung vom 10.02.2005
Irrenoffensive – Die Oper

01 Anmoderation 00:53
02 Mythos "Kunst und Wahn" I 05:21 Audio Text
03 Jingle 00:14
04 Irrenoffensive – Oper von 1990 bis 1996 00:43 Text
05 (Musik) Moritz Eggert – Helle Nächte 14:21
06 Ansage 00:44
07 (Musik) Helmut Oehring – Das D'Amato-System 14:20
08 Ansage 00:28
09 (Musik) Heiner Goebbels – Schwarz auf Weiss 15:04
10 Ansage 09:26
11 Veranstaltungshinweis: Maison de Santé 01:27 Text
12 Ansage 00:11
13 (Musik) Johannes Glende – Für die Flutopfer 04:57 Audio
14 Abmoderation 01:05
Mythos "Kunst und Wahn" I
Länge 05:21
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Heute im Dissidentenfunk: Irrenoffensive – Oper von 1990 bis 1996.

Es gibt nicht nur eine Punkgruppe mit dem Namen "Irrenoffensive", sondern auch eine Opern-Collage mit diesem Titel. Hiermit beginnen wir eine lockere Folge zum alten Mythos "Kunst und Wahn". Dieser Mythos hat schon lange ausgedient. Nur noch reaktionäre Psychiater geilen sich daran auf.

Die Erosion dieses Mythos beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts im Dadaismus. Das Dada-Manifest bringt es auf den Punkt:

Wir schaffen die wahre Kunst der Abweichung, der Entgrenzung. Was wir zelebrieren ist eine Buffonade und eine Totenmesse zugleich. Wir zerstören die Schubladen des Gehirns und die gesellschaftliche Ordnung. Ich bin Ich und Nicht-Ich! Bin Gott, Geist und Materie zu gleicher Zeit! Die Leidenschaften haben immer recht und unser Fehler ist nicht, zuviel zu begehren, sondern zu wenig!

Zum Einstieg vor der Oper ein Höhepunkt aus der Zeit des gelebten Irrsinns des Dadaismus. Anette zitiert aus "Lipstick Traces" von Greil Marcus.

Johannes Baader, die Behörden hatten ihn für unzurechnungsfähig erklärt; er hatte, um Huelsenbeck zu zitieren, den "Jagdschein"; da man ihn im Gegen­satz zu den übrigen Mitgliedern des Berliner Club Dada für seine Taten nicht zur Rechenschaft ziehen konnte, durfte er risikolos Dinge tun, von denen seine Gefährten nur träumten. Als Oberdada machte er sich das zunutze.
Baader ging, einmal losgelassen, seine eigenen Wege. Bevor er von der Dada-Krankheit befallen wurde, war er ein vielversprechender Architekt gewesen, doch seine Verrücktheit wurde nicht durch Dada hervorgerufen – Dada gab ihr lediglich eine Gestalt.
Er kam 1875 zur Welt und war mit Abstand der älteste der Dadaisten. 1956 starb er, mittellos und von der Welt vergessen. Immer wieder war er in Nervenheilanstalten eingewiesen worden, und als alten Mann konnte man ihn gelegentlich auf Parkbänken sitzen sehen, in Selbstgespräche vertieft ... anders als fast alle übrigen, die – nachdem sie den Schatten Dadas abgeschüttelt hatten – produktive und respektable Leben führten, bis in die siebziger Jahre hinein. Auch wenn Baader nach seinem Auftritt im Berliner Dom aus der Geschichte verschwand – genauer gesagt, aus den Standardwerken und Hagiographien zum Thema Dada –, brachte er es zu einem weiteren, beinahe völlig übersehenen Ruhmestag, der aber, was die Vieldeutigkeit betrifft, noch perfekter ist. Ein halbes Jahrhundert später erzählte Hausmanns Lebensgefährtin Vera Broido-Cohn die Geschichte:
Um 1930 begann der schließlich zur Machtergreifung der Nazis führende Aufstieg Hitlers. Eines der merkwürdigsten Symptome dafür, daß es mit Deutschland nicht zum besten stand, waren die erstaunlich vielen Menschen, die sich für Christus hielten... Jeder von ihnen hatte seine Apostel und Anhänger. Sie waren so zahlreich, daß sie eines Tages beschlossen, einen Kongreß der Christusse abzuhalten, um den wahren Christus unter den Scharlatanen zu ermitteln. Da sich dies im Sommer und in Thüringen – eine Gegend, die im Mittelalter das Zentrum radikalen Ketzertums, besonders des freien Geistes, war und seit dieser Zeit als Brutstätte religiösen Wahns galt – zutrug, schienen die Christusse wie Pilze aus dem Boden zu schießen. Die Versammlung fand auf einer großen Wiese in der Nähe einer Ortschaft statt, und Baader tat etwas Phantastisches. Da er damals Journalist war, hatte ihm die Lufthansa einen Ausweis zur Verfügung gestellt, mit dem er gratis jede Flugreise antreten konnte, die er wollte, wenn er zu einer wichtigen Massenveranstaltung in Deutschland mußte. Er rief die Fluggesellschaft an und fragte, ob man ihn nach Thüringen fliegen und mitten auf der Wiese absetzen könnte. Man war einverstanden.
Die Versammlungsteilnehmer standen auf der Wiese und bildeten einen riesigen Kreis. Jeder Christus trat in die Mitte, gefolgt von seiner Anhängerschar. Die Zuschauer drängten von hinten nach, und dann richteten sich alle Augen in die Höhe, um Baader vom Himmel kommen zu sehen. Er landete und machte sich von dannen. Sie sahen sein Gesicht und waren sprachlos.
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Irrenoffensive – Oper von 1990 bis 1996
Länge 00:43
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Dass in der Kunst selber vom Mythos "Kunst und Wahn" schon längst Abschied genommen wurde, zeigt der Zusammenschnitt von Opernstücken von 1990 bis 1996, der vom Deutschen Musikrat im Jahr 2001 herausgegeben wurde. Das Ganze wird von der Herausgebern als "Irrenoffensive" bezeichnet und unter diesem Titel vertrieben. Der angebliche Wahn hat sich aufgelöst in Kunst. Dass Realität in Wahn und Nicht-Wahn differenzierbar sei, ist in der Praxis der Kunst dekonstruiert worden. "Irrenoffensive" wird zum Etikett und Aushängeschild des Musiktheaters.

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(Musik) Moritz Eggert – Helle Nächte
Länge 14:21

Oper von Moritz Eggert nach Motiven aus "Tausendundeiner Nacht" und Knut Hamsuns "Mysterien"

Libretto: Helmut Krausser
Aus der zweiten Geschichte: "Vom Goldschmied und der Sängerin"

Simone Schneider, Sopran (Sängerin)
Claes H.Ahnsjö, Tenor (Sultan)
Wolfgang Wirsching, Tenor (Nagel/Goldschmied)
Rüdiger Trebes, Bass (Soldat)
Päivi Elina, Sopran (Hexe I)
Helena Jungwirth, Sopran (Hexe II)
Anne Pellekoorne, Mezzosopran (Hexe III)

Bayerisches Staatsorchester unter der Leitung von Peter Hirsch

Eine Produktion des Bayerischen Rundfunks, 8.1V. 1997. Prinzregententheater München © Moritz Eggert

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(Musik) Helmut Oehring – Das D'Amato-System
Länge 14:20

Tanzoper in 15 Szenen von Helmut Oehring

Text: Helmut Oehring
Unter Verwendung von Auszügen aus "Der Tränenpalast, von der still­schweigenden Verschaltung von Stimme und Schrift..." sowie Melodien von Iris ter Schiphorst

Fassung des Komponisten für die CD "Irrenoffensive – Oper 1990 - 1996"

Christina Schönfeld (DGS), gehörlose Darstellerin
Salome Kammer, Stimme
Anna Clementi, Stimme
Matthias Hille, Sprecher

Kammerensemble Neue Musik Berlin unter der Leitung von Roland Kluttig

Torsten Ottersberg, Konzept und Realisierung/Live-Elektronik Aufnahme: 1996/2001

© Boosex & Hawkes. Bote & Bock GmbH & CO., Berlin

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(Musik) Heiner Goebbels – Schwarz auf Weiss
Länge 15:04

Musiktheater von Heiner Goebbels mit dem Ensemble Modern

Texte aus: Edgar Allan Poe "Shadow". John Webster, zitiert nach T. S. Eliot "The Corpse" aus "The Waste Land" und Maurice Blanchot "L'attente l'oubli"

Exzerpt aus: „Du, der Lesende", „In the basement", „Readings II – Over some flasks", „Harrypatari", „Unisono" und „Chaconne/Kantorloops"

Ensemble Modern

Heiner Müller, Stimme

Aufnahme: 4.-8X. 1996, TAT Bockenheimer Depot (P) 1997 BMG Music

© Bühnen- und Musikverlag G. Ricordi & Co.

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Veranstaltungshinweis: Maison de Santé
Länge 01:27
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Das Theater Thikwa und das Theater zum westlichen Stadthirschen stehen noch bis 13. Februar gemeinsam auf der Bühne des Tacheles (Oranienburgerstr. 54-56, Berlin-Mitte). Dort wird unter der Regie von Werner Gerber das Stück „Maison de Santé. Einladung zur feinen Gesellschaft“, frei nach der Erzählung „Die Methode Dr. Thaer & Prof. Fedders“ von Edgar Allan Poe gezeigt.

Ob du als Genie, Heiliger oder als Wahnsinniger giltst, das entscheidet die Wertegesellschaft. Ob jemand zu den Patienten oder zum Personal in der Psychiatrie gehört, kann ein Zufall seiner Lebensgeschichte sein. Was passiert, wenn die Patienten dem Zufall ein bisschen nachhelfen?

Angeregt wurde diese Inszenierung durch eine Erzählung von Poe: Ein Berliner Medizinstudent reist 1830 nach Südfrankreich. Dort besucht er eine Einrichtung für Menschen mit geistigen Behinderungen, die angeblich eine humane Methode aus England anwendet: "Die Methode Dr. Thaer & Prof. Fedders".

Der leitende Arzt verspricht für den nächsten Tag eine Führung durch die Einrichtung und lädt den Studenten erst mal zum Dinner. Die noblen Gäste plaudern bei feinen Speisen mit Vorliebe über Ticks und Spleens von anderen. Ahnt der Reisende, wen er vor sich hat? Droht der Abend zu kippen, und wenn ja, wohin?

Weitere Informationen: www.thikwa.de

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(Musik) Johannes Glende – Für die Flutopfer
Länge 04:57
Dieses Stück entstand als Auftragswerk zur Erinnerung an die Opfer der Flutkatastrophe 2004.
Kontakt zum Künstler und weitere Informationen: www.cellosound.com
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