Schneewittchens Arbeitszwerge

Der Anlass der Sendung ist eine arbeitskritische Performance gegen die Hartzreformen, und gegen die liebe Arbeit selbst: Im Februar rappten sieben Arbeitszwerge durch die Freiburger Innenstadt und brachten arbeitskritische Lieder und Flugschriften unter die Bevölkerung. In der nächsten halben Stunde geht es um folgende Fragen:

Dazwischen hören wir ein paar Musikstücke der Arbeitszwerge. Also an die "Arbeit" und viel Spaß!

Musik

Die Aktion

Die sieben Arbeitszwerge marschierten also mit solchen Musikstücken rappend durch den Stadtteil Stühlinger und über den Markt. Sie spielten synchron Motive aus der Arbeitswelt nach und sie stellten ebenfalls ihre Abneigung gegen die Arbeitsmühle dar, indem sie Textmotive pantomimisch aufgriffen. Die Zwerge fuhren per Straßenbahn zu weiteren Orten und führten die Performance in den Straßenbahnwägen und auf Plätzen und Straßen auf. Die Resonanz war positiv. Der kritische Bezug auf Hartz ist offensichtlich ein Mainstream-Thema, das breit akzeptiert ist - auch wenn viele anderer Meinung sind. Natürlich lag die ungewohnte Zustimmung auch am theaterhaften Auftritt. Allerdings waren die Arbeitszwerge zu surreal für beliebige Werbeträger, die den Absatz der Flugblätter erhöhen sollen. Sie waren irre. Es waren Arbeitszwerge gegen die Arbeit - und das wirkte etwas verstörend und weckte mehr Neugierde, als dies mit dröger "Inhaltsarbeit" möglich wäre.

Musik

Tu was, Taugenichts! -- Ein Kommentar

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Musik

Sie leben noch heute, die sieben Zwerge. Ein Arbeitsmärchen

"Es war einmal mitten im Winter, und die Schneeflocken fielen wie Federn vom Himmel herab." - So begann, vor vielen Wintern, das Märchen von Schneewittchen und den sieben Zwergen. Schneewittchen floh vor der Stiefmutter zu den sieben Zwergen und lebte mit ihnen. Die böse Stiefmutter wollte sie vom Jäger ermorden lassen, und später wollte sie sie vergiften. Am Ende wird Schneewittchen von einem Königsohn gerettet - "und ihre Hochzeit ward mit großer Pracht und Herrlichkeit angeordnet."

Die Zwerge sind nicht gestorben und leben noch heute. Sie gingen nach der Geschichte mit Schneewittchen weiter ins Bergwerk und hackten nach Erz. Irgendwann fuhren sie in einem Gleiswagen in den Stollen, später bedienten sie Schaufelradbagger, legten das Erz auf Förderbänder und dann wurde die Anlage digital gesteuert. Drei Zwerge verließen das Bergwerk, weil ihre Arbeit von den Maschinen übernommen war. Schließlich schloss die Zeche, weil sie nicht mehr rentabel war.

In der Stadt führten die Zwerge ihr Arbeitsleben einzeln fort. Manchmal trieben sie im Strom der Fußgängerzone aneinander vorbei und hielten an. Dann redeten sie über die Zeit, als sie noch in ihrem Häuschen beim Bergwerk lebten und Schneewittchen bei ihnen war. Immer sprachen sie von der Vergangenheit und sie seufzten dabei. Sie arbeiteten lange Jahre und blickten immer weiter zurück. Sie wurden unglücklicher und wussten nicht, weshalb. Dann fand der erste keine neue Arbeit mehr und bald ein zweiter. Noch nie hatten sie auch nur einen Tag nicht gearbeitet. Bald fanden sie neue Jobs, bald wieder keine - und wurden noch unglücklicher.

So vergingen weitere Winter und der Schnee fiel wie Federn vom Himmel herab, bis ein Zwerg, der Soziologe geworden war, einmal alle anderen Zwerge aufsuchte und ihre Geschichten aufschrieb. Das kam so:

Schon immer hatte sich Zwerg 1 für gesellschaftliche Fragen interessiert und begonnen, abends Veranstaltungen an der Universität zu besuchen. Schließlich schrieb er sich ein, machte den Magister der Soziologie und durfte anschließend ein Seminar pro Semester halten. Sein übriges Geld verdiente er mit Landschaftgartenjobs. Als er einmal mit seinem Institutsleiter über Projektanträge sann, schlug ihm sein Professor vor, etwas über Zwerge im Arbeitsleben zu machen. Über das Arbeitsleben arbeite er sowieso immer und Zwerge seien doch der Hit. Die Minderheitenbeauftragte des Bundes gab dem Antrag für eine Erhebung sofort statt und Zwerg 1 konnte zum ersten Mal einfach forschen. Er suchte die alten Kollegen auf.

Zwerg 2 fand er mittags mit einer Bierflasche in einem abgeschabten Sessel vor dem Fernseher. Bald redeten sie von alten Zeiten, als sie noch mit Schneewittchen ... und so weiter. Zwerg 2 hatte als Werkzeugmacher gearbeitet, bis in den Fabriken die Jobs knapp wurden. Dann war er auf den Bau gegangen, bis die Jobs auch dort knapp wurden. Schließlich hatte er nichts mehr gefunden und nicht weiter gewusst. Eine Weile reinigte er als Ein-Euro-Jobber Parkwege. Sein Leben verlor seinen Sinn. Sein Zorn gilt den über 1,80 Meter großen Menschen, die die Arbeitsplätze wegnehmen. Zwerg 1 schrieb alles auf und ging schnell weiter.

Zwerg 3 arbeitete als Schuster, bis sich der Betrieb nicht mehr lohnte. Die Billigschuhe haben den Markt überschwemmt, die kauft man und wirft sie nach einem halben Jahr wieder weg, klagt er. Jetzt muss er selbst Billigschuhe verkaufen, bei Deichmann. Auf Dauer fand er es hart, die ganze Zeit im Laden zu stehen, und dann kann man zuhause gerade die laufenden Kosten bezahlen. Besonders schwer fällt ihm die permanente Wartestellung, in der er sich befinden muss. Sogar wenn nichts los ist, muss man stehen. Immer die gleichen Schuhe, die gleichen Wände - so ein Laden wird zum Gefängnis. Aber was will man machen?

Zwerg 4 hat eigentlich keine Zeit. Er hat seinen Traumjob als Redakteur einer Gartenzeitschrift in Offenburg bekommen. Aber jetzt arbeitet er zehn Stunden am Tag und dann noch zwei Stunden pendeln. Sobald er zuhause ist, will die Familie noch etwas von ihm haben. Ab 22 Uhr ist er todmüde. Trotzdem kommt ein Treffen zustande und sie reden über alte Zeiten. Diese Kollegialität, sagt Zwerg 4, die wir früher hatten, die gibt es heute nicht mehr. Ist mir auch recht, ich finde das cooler, jeder macht halt sein Ding und den Rest im Team.

Zwerg 5 sitzt vor seinem Bauwagen. Als er keine Jobs mehr fand, ist er ausgestiegen. Wenn die mich nicht wollen, will ich auch nicht, dachte er. Auf dem Arbeitsamt war es gleich. Schikanen hatten ihm nie gefallen, und die gab es dort mehr als Jobs und Geld. Eine Ich-AG scheiterte kläglich und mit Schulden. Also hat er alles hingeschmissen. Jetzt bastelt er den ganzen Tag an seinem Wagen herum und ist damit beschäftigt, einen Stellplatz zu finden, Wasser oder Gas zu besorgen und etwas Geld mit Schwarzjobs zu verdienen. Eine Krankenversicherung hat er auch nicht mehr, dafür eine Neigung zu Rheuma und die Schneeflocken fallen wie Federn vom Himmel. "Bist du glücklich mit deiner Unabhängigkeit?", fragt Zwerg 1. "Früher ging es mir besser," antwortet Zwerg 5, "im Häuschen mit euch".

Zwerg 6 empfängt Zwerg 1 in der Mittagspause in einer Espressobar. Er macht Werbespots und sein Job geht zehn Stunden am Tag - und manchmal die ganze Nacht durch. Kreativjobs ticken nicht nach der Stechuhr. Er macht Werbung für Fluglinien, Tankstellen, Billigschmuck, Plastikspielzeug. Zwerg 1 hasst Werbung, und fragt, welchen Sinn Zwerg 6 in seiner Arbeit sieht. Eigentlich ist das alles Ramsch für was ich werbe, sagt Zwerg 6. Niemand braucht es, und die Werbung nervt die Leute nur. Das alles verstehe, wer will. Aber der Job ist wahnsinnig spannend, es ist jedes Mal wieder ein Wunder, wenn so ein Spot aus einem Chaos von Ideen, Technik und Leuten fertig wird. Es ist eine Droge.

Zwerg 7 trägt eine Zwergenmütze. Heute ist er in die alten Klamotten gestiegen und hat eine Performance gegen die Arbeit in der Innenstadt mit gemacht. Gegen die Arbeit - das ist gegen seine Herkunft, gegen seine alte Identität. Ist er verrückt geworden? Nein, sagt er, es hatte damit begonnen, dass er sich gegen Rassismus und Sozialabbau engagierte. Dann hat er seinen Autoverkäuferjob immer weiter reduziert. Seit Jahren kümmert sich lieber um die Kinder oder engagiert sich für den Abenteuerspielplatz im Stadtteil. Die normale Arbeit wurde ihm immer lästiger. Er schmiss sie hin, beantragte Arbeitslosengeld und definierte seine anderen Tätigkeiten als Arbeit. Er hat viel gelesen und die Arbeit schließlich vollständig verworfen, weil sie die Tätigkeit ist, die der kapitalistischen Produktion entspricht. Mit sinnvoller Aktivität oder Bedürfnisbefriedigung hat sie nur zufällig zu tun. Und was war die glücklichste Zeit? Die muss man sich nehmen! Oder wir haben sie noch vor uns - wer weiß?

Musik

Eine Produktion von Radio Dreyeckland Freiburg: www.rdl.de

Gesendet am 12.05.2005 im Dissidentenfunk (www.dissidentenfunk.de)

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