Antipsychiatrie ... Teil II

Während die Libertären die Gesellschaftlichen Verhältnisse so ändern wollen, dass die Staatgewalt zumindest minimiert, als Ziel aber ganz abgeschafft werden soll und damit die Utopie der Abschaffung der Herrschaft des Menschen über den Menschen verwirklicht werden soll, wollen die Sozialisten den umgekehrten Weg gehen: erst die Eroberung der Staatsgewalt und mit der Verfügung über diese Gewalt sollen die gesellschaftlichen Verhältnisse geändert werden, so dass die Herrschaft und Ausbeutung beendet werde. Der markanteste Begriff in diesem Zusammenhang ist die Diktatur des Proletariats bzw. logischerweise die Diktatur der Avantgarde des Proletariats, der Partei. Und unmittelbar ist der stalinsche Sozialismus in einem Land auf dem Plan, da eben eine nationalstaatlich verfasste Staatsgewalt erobert wird. Damit wird eine Abkehr vom Universalismus Teil des Programms.

Die beiden Pole sind also entsprechend ihrem Verhältnis zum Staat als Etatisten bzw. Anti-Etatisten oder auch als Autoritäre und Anti-Autoritäre zu charakterisieren. Ohne das eine der beiden Seiten die Wechselwirkungen von Staat und Gesellschaft leugnen könnte oder würde, sind aber die Überzeugungen über die Wirkungsweisen und das entsprechende Primat des politischen Handelns sicher diametral entgegengesetzt: Während die Libertären primär die Gesellschaft verändern wollen, wollen die Sozialisten primär über die Staatsgewalt verfügen. Entsprechend spaltete sich die erste Internationale 1872 in sozialistische Anhänger von Karl Marx und libertäre Anhänger von Michail Bakunin. Die letzte offensichtliche Facette dieser Pole waren in der BRD die Spontis bzw. Autonomen und die vielen ML und Sozialisten Parteien in den 70er Jahren.

Zur Veranschaulichung, um was es im Kern bei der Frage geht, ein Beispiel von libertärer Gesinnung, wo man es als Letztes vermutet hätte: Kanzler Kohls Weigerung die Parteispender zu benennen, weil er ihnen sein "Ehrenwort" gegeben hat. Ein ihm persönlich bekannten Personen gegenüber gegebenes Versprechen stellt er über seine gesetzliche Verpflichtung, die Spender zu benennen. Eine persönlich eingegangene Verpflichtung ist ihm also wichtiger als Gesetzestreue. Entsprechend schäumten alle Etatisten vor Wut.


Gesendet am 08.09.2005 im Dissidentenfunk (www.dissidentenfunk.de)

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