Antipsychiatrie ... Teil V

In dem ganzen dusteren Gemälde, wie ich es bisher gezeichnet habe, gibt es aber auch Lichtblicke. An dieser Stelle muss zuerst erwähnt werden, wie die Alternative Liste in Berlin, die vor allem von antiautoritären Spontis Anfang der 80er Jahre initiiert worden war und noch Anti-Etatistisch war, bevor sie in Grün aufging, 1981 die Abschaffung der Psychiatrie zum Teil ihres Programms erhoben hat. Wir zitieren einige markante Ausschnitte. In ganzer Länge sind sie in der Irren-Offensive Nr. 1 nachzulesen, die im Internet unter der Adresse www.antipsychiatrie.de veröffentlicht ist.

Das Anti-Psychiatrie-Programm

Vor den Neuwahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus am 10.5.1981 wurde die Irrenoffensive - als von der Psychiatrie direkt betroffene Gruppe - von der Alternativen Liste ange­sprochen, bei der Neuformulierung des Wahlprogramms mit­zuarbeiten

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Gegen den Widerstand einzelner Mediziner und Mitglieder der Berliner Gesellschaft für "Soziale" Psychiatrie haben wir uns mit unseren Vorstellungen zur ABSCHAFFUNG der Psy­chiatrie durchgesetzt.

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Unser Menschenbild ist kein festes. Wir sehen den Men­schen als ein soziales Wesen mit unendlichen Fähigkeiten, einer Vielfältigkeit von Stimmungen, Gefühlen, Wünschen und Werthaltungen, die sich durch die Anzahl der Men­schen im Allgemeinen und seine individuelle Entwicklung ergibt. Jedes Individuum ist eine Persönlichkeit. Jede Per­sönlichkeit ist dadurch bestimmt, daß sie nie mit einer anderen vergleichbar ist.

Dementsprechend vielfältig sind die Reaktionen des Men­schen auf seine Umwelt. Jedes Handeln ist die natürliche Antwort, die logische Konsequenz des Individuums in sei­ner Situation auf dem Hintergrund seiner individuellen Ge­schichte. Die zahlreichen Unterschiede zwischen dem ein­zelnen Menschen und seiner sozialen Umwelt führen zu ebenso vielen Möglichkeiten sich in dieser sozialen Umge­bung zu helfen.

Jeder Versuch, eine Norm für menschliches Verhalten vor­zuschreiben, hat die Vergewaltigung des Menschen in sei­nem Wesen zur Folge, die Zerstörung der Individualität. In der heutigen Psychiatrie wollen die Psychiater und ihre weiteren "Fachkräfte" - wie Sozialarbeiter und Psycho­logen - im Auftrage der Gruppen, die ein Interesse am normierten Funktionieren des Menschen haben, seine Vielfältigkeit bis hin zu seiner Sterblichkeit mit aller Macht ignorieren und ausschalten.

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Die deutsche Psychiatrie ist ein Ableger der naturwissen­schaftlich orientierten Medizin. Psychiater behandeln im gesellschaftlichen Zusammenleben entstandene Persönlichkeitsprobleme als eine auszumerzende Krankheit. Diese falsche Auffassung wurde von den Psychiatern zur Ausdehnung und Sicherung ihrer Macht, zur Vertuschung ihrer diagnostischen und therapeutischen Unfähigkeit mit Bluff und diletantischem pseudo-wissenschaftlichen Kau­derwelsch gezüchtet. Aus dem Rahmen fallende Verhal­tensweisen wie z.B. das Gefühl der Ausweglosigkeit, Aus­stieg aus der "normalen" Wirklichkeit - Einstieg in andere Erlebniswelten, Lebensängste, werden als Krankheiten be­zeichnet. Diese sollen teils durch mittelalterlich mechani­sche Foltermittel, teils durch "medizinische Therapien" zum Verschwinden gebracht werden.

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Es muß endlich Schluß gemacht werden, daß hilfesuchende Menschen von gewissenlosen Pharmaproduzenten und weiß­bemäntelten Psychiatern als Versuchskaninchen mißbraucht werden! Alle Medikamente, alle Therapien, alle psychiatrischen Maßnahmen wie Elektroschocks müssen zuerst an den Psychiatern langfristig erforscht und erprobt werden. Wir lehnen die Psychiatrie ab: Wir setzen uns statt dessen da­für ein, daß alle Menschen das Recht haben, aber sich selbst zu verfügen und so zu leben, wie sie es wollen - ob "nor­mal" oder "ver-rückt" -, ohne unterdrückt und getäuscht zu werden - auch nicht im Namen der Medizin.

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Wer schon einmal im Irrenhaus war, weiß, wie schwierig es ist, wieder herauszukommen ... Aus der psychiatrischen Mißhandlung Entlassene sind ent­mündigt, unsicher, fertig, kaputt, zerstört, willenlos, Zombis (umherwandelnde Leichen). Aber für sie ist der Leidens­weg noch nicht zu Ende: Die Psychiater nutzen den entmündigten Zustand der Entlassenen aus, indem sie ihnen Angst vor einem erneuten Aufenthalt in der Anstalt machen und sie zwingen, die "Medikamente" weiterhin einzuneh­men bzw. sich jede Woche eine Langzeitspritze ambulant verpassen zu lassen.

Wir verurteilen die Pharmakabehandlung als einen großen, legalen, staatlich-medizinisch-privatwirtschaftlichen Milliar­den-Drogendeal. Dieser führt zu nichts anderem, als daß wehrlose Menschen körperlich und seelisch zerstört und ab­hängig gemacht werden und das System aufrechterhalten wird, das dieses Leiden produziert.

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Durch die körper­lichen Wirkstoffe der Psychopharmaka werden auch Gehirn­funktionen beeinflußt: "Dir ist alles egal, Du Dir selbst, Deine Freunde, Dein Interesse an der Umwelt, Du fühlst Dich tot, dumpf und öde, leer, hohl, ohne Regungen, nutz­los störend, überflüssig. Trotz all dieser Entfremdung von Dir selbst, bleibt Dein Bewußtsein für die beschriebene be­schissene Situation."

In dieser Foltersituation ist kein Mensch fähig, irgend­welche - auch gute Therapieangebote - aufzunehmen. ... Aus dieser Realität heraus sind wir für die Abschaffung des Psychiaterberufes und der "psychiatrischen Ausbildung". ...

Die ein- und mehrmalige Zwangseinweisung, Zwangsunter­bringung, Zwangstherapie und die Ausbeutung durch die sogenannte Arbeitstherapie sind zu verbieten. Die Gewäh­rung der Einsicht in sämtliche Anstaltsunterlagen einschließlich der sogenannten "Krankenblätter" sind gesetzlich zu verankern. ... Die Entmündigung- und der rechtlose Status der Betroffenen ist aufzuheben; ihnen ist volle Rehabili­tation zu gewähren. Den Entlassenen müssen finanzielle Entschädigung und Starthilfe ohne Rechenschaftspflicht, Aktenführung und Schnüffelei gewährt werden. Sie dürfen bei Neu- und Wiedereinstellungen nicht diskriminiert wer­den. Der Zwang, die persönliche Leidensgeschichte allen möglichen ,,Arbeitgebern" offenbaren zu müssen, muß gesetzlich abgeschafft werden. Im gesamten sozialen und medizinischen Bereich müssen alle - Betroffene und Be­teiligte - generelles Aussage- und Zeugnisverweigerungs­recht erhalten. ... Alle psychosozialen Einrichtungen müssen auf de­zentraler Selbstverwaltungsbasis mit vollem Selbst- bzw. Mitbestimmungsrecht der Betroffenen organisiert wer­den. ... In Psychiatriebauten - sei es Ausbau-, Neubau oder Erweiterung der Bausubstanz - darf kein Pfennig mehr investiert werden. Wir weisen angesichts der von den etablierten Parteien CDU, SPD, FDP geplan­ten ambulanten Zwangstherapien auf die Kurzsichtigkeit der Forderung der DGSP hin, den ambulanten psychiatri­schen Bereich auszuweiten. Mit der geforderten Öffnung der Irrenhäuser werden die Psychiater automatisch auf die gesamte Bevölkerung losgelassen. Diese Begleiterschei­nung ist unerwünscht, sie muß verhindert werden. ...

Das Hilfsangebot muß sich nach den Wünschen und Be­dürfnissen der Hilfesuchenden richten, wobei die Art der Hilfeleistung der Vielfältigkeit der Bedürfnisse entsprechen muß. Das Ausmaß der Hilfeleistung darf nicht an finan­zielle Gesichtspunkte gekoppelt sein. Sie muß Zwang, Unterdrückung, Kontrolle und Registrierung ausschließen. Eine stationäre Hilfestellung und ihre Dauer hat sich nach dem Wunsch der Hilfesuchenden zu richten. Jegliche Zu­sammenarbeit mit den Institutionen der öffentlichen Ge­walt ist zu verbieten. Bei dieser ambulanten Versorgung ist bereits im Ansatz zu verhindern, daß die psychiatrische Unterdrückung und Mystifizierung modernisiert, techni­siert, sozialpsychiatrisiert, gemeindenahpsychiatrisiert - also mit neuen Kleidern durchs Fenster wieder herein­kommt, um mit der selben menschenverachtenden Fratze ihre von den bürgerlichen Parteien geforderte Rolle perfek­tioniert weiterzuerfüllen. Die Irrenanstalten werden sofort aufgelöst, die Menschen freigelassen. Diejenigen, die hos­pitalisiert sind und die Anstalten nicht mehr verlassen wollen, werden in gemütlichen Räumen wie Gäste liebevoll gepflegt. Die Berliner Irrenanstalten ... werden zu öffentlichen Kommunikationszentren gemacht. Aus den Anstaltsgärten werden öffentliche Parks gemacht. Die sozialpsychiatri­schen (Schnüffel-)Dienste werden aufgelöst, denn die sozia­le Kontrolle, die durch Psychiater, Psychologen und Sozial­arbeiter ausgeübt wird, ist ein weiterer Schritt zum totalen Überwachungsstaat.

Die ALTERNATIVE LISTE betont noch einmal, daß sie jegliche Form psychiatrischen Handelns als gegen die In­teressen der Betroffenen gerichtet ansieht. Wir lassen uns nicht durch Schönfärberei und blumiges Wortgeklingel täuschen. Mit den Betroffenen wehren wir uns gegen eine reformistische Perfektionierung der psychiatrischen Unter­drückung:
Die einzige Alternative ist für uns die vollständige Abschaf­fung der kompletten Psychiatrie!


Gesendet am 08.09.2005 im Dissidentenfunk (www.dissidentenfunk.de)

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