Aus dem Vortrag Künning

In Deutschland ist die Frage von Elternschaft als ideologische Frage in den letzten Jahren wieder brisant geworden mit der Eröffnung von Babyklappen und der damit zusammenhängenden Debatte um die Legalisierung der anonymen Geburt. Im Zentrum dieses Diskurses steht die werdende biologische Mutter, die nicht soziale Mutter werden will – aus welchen Gründen auch immer. Da hierzulande die Vorstellung besonders hartnäckig verbreitet ist, Frauen müssten ihre Mutterschaft in jedem Falle als ungeteiltes Glück empfinden, kann eine Ablehnung der sozialen Mutterrolle nicht anders als im Kontext einer massiven Notlage verstanden werden. Das Bild einer Mutter, die ihr Kind nicht will, abgibt oder gar tötet, ist offenbar die größte anzunehmende Zumutung und trifft auf tiefliegende Ängste.

Frau Ursula Künning, diplomierte Sozialarbeiterin und Doktorandin an der Freien Universität Berlin, erläutert, wie es zu der Einrichtung der Babyklappen kam und wie der derzeitige Stand der rechtlichen Regelung ist:

"Wenn von Babyklappen, anonymer, vertraulicher Geburt oder von persönlicher aber anonymer Kinderabgabe eines Neugeborenen die Rede ist, weiß kaum jemand, wie es anscheinend plötzlich zu diesen sozialen Hilfsangebot kam. Die Idee der anonymen Kinderabgabe und ihrer Realisierung wurden in der Bundesrepublik voneinander unabhängig und zeitlich nahezu parallel von einerseits kirchlichen und andererseits einem Freien Träger sozialer Einrichtungen erbracht.

Ich berichte erst über die kirchlichen Ursprünge:
In Juni 1999 - untersagte der damalige Papst Johannes Paul II allen katholischen Schwangerschaftsberatungsstellen in Deutschland die Ausstellung von Beratungsscheine, die zu einer straffreien Abtreibung berechtigten. Daher stieg im Juni 1999 die deutsche Bischofskonferenz und damit der Caritasverband und der Sozialdienst katholischer Frauen aus der Schwangerenkonfliktberatung aus.

In September 1999 erfolgte als Reaktion auf den Ausstieg, die Gründung des Laienverbandes "Donum Vital", zu deutsch: "Geschenk des Lebens" als bürgerlicher Verein von Laien, um das katholische Element in der Schwangerschaftkonfliktberatung zu erhalten.
Ebenfalls im Sept. 1999 wurde unter dem Dach von " Donum Vital" in Bayern das Projekt "Moses" gegründet. Das Projekt "Moses" bietet Müttern, die ihr Kind nicht behalten wollen, Beratung und Unterstützung bei anonymer Geburt an. Unter einer Notrufnummer kann noch eine anonyme, persönliche Übergabe von neugeborenen Kindern an Mitarbeiterinnen vereinbart werden.

Unabhängig von dieser Entwicklung und zeitgleich nahezu parallel geht der Freie Träger "Sternipark" in Hamburg ein vergleichbaren Weg. Er handelt dabei auf Grundlage eines unterschiedlichen Konzepts: der Verein wurde bereits 1990 als gemeinnützig anerkannter freier Träger der Jugendhilfe in Hamburg und Schleswig-Holstein gegründet. "Sternipark" ist Anbieter, wie auch die erwähnten kirchlichen Träger, von beispielsweise Kindertagestätten, sowie betreutem Wohnen für Mütter und Kinder. Konzeptionell vertritt "Sternipark" ein reformpädagogischen Ansatz und knüpft an die anti-autoritäre und politische Erziehung seit den 1970er Jahren in der Bundesrepublik an.

1999 werden in Hamburg 4 ausgesetzte Kinder aufgefunden, von denen 2 bereits gestorben sind. "Sternipark" reagiert auf die Aussetzung mit der Gründung des Projekts "Findelbaby". Am 20. 12. 1999 startet das Projekt "Findelbaby" eine kostenlose Notrufnummer zur Beratung für Schwangere oder Mütter in Not- oder Konfliktsituationen. Unter dieser Nummer kann auch eine anonyme, persönliche Übergabe von neugeborenen Kindern vereinbart werden.

Im April 2000 bereitet das Projekt "Findelbaby" in einem der Kinderhäuser des Vereins die Aufnahme anonym abgegebener neugeborener Kinder vor. Durch eine Stahlklappe an der Außenwand des Hauses können Kinder in einem Wärmebettchen gelegt werden. Die Zeitung "Bild am Sonntag" berichtet über das Vorhaben und nennt die Einrichtung "Babyklappe". Das Projekt übernimmt nach längerer Diskussion diesen Namen.

Am 8. 4. 2000 wird in Hamburg die Babyklappe unter großer medialer Beachtung eröffnet. Die renommierte Werbeagentur "Jungfer & Matt" unterstützt das Projekt kostenlos mit einer umstrittenen, viel-beachteten Öffentlichkeitskampagne.

Im Zeitraum von 1999 bis zur Gegenwart wurden in Deutschland von kirchlichen und nicht-kirchlichen Trägern wahrscheinlich um die 80 Einrichtungen zur anonymen Kindesabgabe installiert. Diese Einrichtungen tragen verschiedene Namen, wie z. B. "Babyfenster" oder "Babywiege". Kurz nach der Einrichtung der Babyklappen wurde die Forderung nach Einführung anonymer Geburten laut, um auf Frauen, die in Notlagen sind aber ihre Daten nicht offenliegen wollen, eine medizinische Hilfe bei der Entbindung zukommen zu lassen.

Am 30. Mai 2001 fand im Bundestag die erste Anhörung zur gesetzlichen Regelung der anonymen Geburt statt. Einige der eingeladenen Fachleute äußerten sich negativ über die geplanten Legaisierung und kurz vor der Schlußabstimmung im Mai 2001, wurde der Gesetzentwurf zurückgezogen und die Abstimmung bis zu einem unbestimmten Termin in die nächste Wahlperiode vertagt. Zwei weitere Versuche, das Thema in den Bundesrat einzubringen scheiterten. Anonyme Geburten finden in Kliniken statt, das wissen wir - die Anzahl läßt sich nicht ermitteln. Die rechtliche Lage gilt als ungeklärt.


Gesendet am 09.03.2006 im Dissidentenfunk (www.dissidentenfunk.de)

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