Beitrag coloRadio Dresden: Protest Hygiene-Museum

Zwei Ereignisse in Dresden haben unsere Aufmerksamkeit erregt:
Im Oktober letzten Jahres hat das Hygiene-Museum in Dresden die Ausstellung "Tötliche Medizin" eröffnet. Die Eröffnugn war von Protesten begleitet. Noch vor der Eröffnung sendete Coloradio, das freie Radion in Dresden, einen Bericht, der in enger Kooperation mit dem Werner-Fuß-Zentrum entstand. Die Ausstellung geht noch bis Mitte Juni und insofern ist dieser Beitrag vom 5. Oktober weiter hochaktuell. Hier ist er:

Ein Gespenst geht um in der Stadt - Dresden wird aber nicht mehr nur heimlich von der Psychiatrie heimgesucht, sondern deren kriminelle Vergangenheit und Gegenwart wird anhand von zwei Großveranstaltungen öffentlich verhandelt: Am 11. Oktober eröffnet das Hygiene-Museum eine Sonderausstellung, "Tödliche Medizin", die präziser "Mörderische Mediziner" genannt worden wäre. Die Ausstellungseröffnung wird von Protesten begleitet werden, das Thema des heutigen Beitrags. Kurz vor Ende dieser Sonderausstellung wird im nächsten Jahr die international in der "World Psychiatric Association" (WPA) organisierte Zwangspsychiatrie vom 6.-8. Juni einen Kongress zum Thema Zwangsbehandlung hier abhalten.
Die Ausstellung "Tödliche Medizin" hatte in der ursprünglichen Version im US Holocaust Memorial Museum noch den Untertitel "Creating the Master Race" und thematisiert die medizinische Ideologie und die ärztlichen Massenmorde, die, schlimm genug, leider immer noch im Nazi-Jargon mit "Euthanasie" verharmlost werden.
Das Hygiene-Museum hat den Untertitel verändert in "Rassenwahn im Nationalsozialismus".
Jan Groth konnte letzten Donnerstag für diese Sendung ein Interview mit Frau Uhlig vom Hygiene-Museum führen, das wir aufgezeichnet haben und nun in kommentierten Auschnitten wiedergeben. Sie antwortete auf seine Frage nach dem neuen Untertitel:

Antje Uhlig, Projektleiterin: [ihre Anwort ist hier zu hören ]

Der neue Untertitel ist ein schwerer Fehler, um nicht zu sagen, eine Lüge ums Ganze: Mit dem Begriff des "Wahns" soll den Mordaktionen das Vernünftige abgesprochen werden, das, was jedoch genau die Mörder für sich in Anspruch nahmen, indem sie die Unvernünftigen, die Wahnsinnigen, die Irrenhäusler, als erste mit Zwangssterilisation verfolgten und ab 1939 vergasten.
Es war also genau ein Akt gegen den in den Wahnsinnigen repräsentierten Wahnsinn. Damit wird vom Hygiene-Museum der Täter zum Opfer stilisiert, und die Schuld herausdividiert. Mit der Verwendung des Wortes "Rassenwahn" wird versucht den Massenmord einem angeblichen "Wahnsinn" anzulasten, genauer spezifiziert als "Wahnsinn im Nationalsozialismus", um damit die von den Ärzten der Vernichtung durch eine mörderische Diagnose Anheimgefallenen auf denselben außerirdischen Orbit zu schicken, in dem man die Mörder so gerne wähnen möchte. So windet sich die Vernunft um ihre Abgründe und entsprechend organisiert das Hygiene-Museum das Erinnern genau so, dass das Vergessen gewährleistet wird
Womit wir zum Hauptkritikpunkt an der Ausstellung kommen: Es soll ein Bruch vorgetäuscht werden, wo tatsächlich Kontinuität herrschte: Nach der Beendigung des zentral organisierten und auf eine Autorisierung von Hitler zurückgehenden Gaskammermordens 1941, folgte einerseits der Export der Mordmethode und des Personals der Aktion T4 nach Polen zum Aufbau der Vernichtungslager, die in Folge der Wannseekonferenz 1942 in Betrieb gingen. Andererseits wurde das Morden direkt in den Psychiatrien und Anstalten insbesondere mit Verhungern und Todspritzen fortgesetzt. Dafür gab es genauso wenig, wie für die Morde in den Vernichtungslagern, einen formellen staatlichen Mordauftrag, sondern einen breiten Konsens der Mörder, ihrer Helfer und Mitwisser, die sich auf die Interessen bzw. den Willen der Volksgemeinschaft beriefen.
Um es ganz klar und deutlich zu machen: diese Opfer waren selbstverständlich eingesperrt. Das ist das Kennzeichen einer Zwangs-Psychiatrie, auch wenn sie ihre Gewalttätigkeit heute noch versucht zu vertuschen. Wer jemanden einsperrt hat die Kontrolle und Verantwortung für dessen Leben übernommen. Wenn ein Weggesperrter von dem Einschließenden nicht ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt wird, ist das immer Mord, wenn der Eingesperrte deswegen verhungert. Es ist Mord, nicht nur Totschlag, weil alle Einsperrenden wissen, dass Menschen ausreichend essen müssen, um zu überleben. Der Entzug von genügend Nahrungsmitteln mit Todesfolge kann deshalb nur als ein absichtlich herbeigeführter, grauenhafter Mord an der Person verstanden werden, die weggesperrt ist.
Dieses dezentrale Morden mit denselben Mordmethoden, derselben Gruppe der Opfer und derselben Gruppe der Täter wurde von 1945 bis 1949 genauso fortgesetzt, wie es von 1941 bis 1945 geschah. Diese Kontinuität wird vom Hygiene-Museum geleugnet, und stattdessen wird behauptet, im Mordsystem sei 1945 ein Bruch gewesen und die Zeit der "tödlichen Medizin" 1945 zu Ende gewesen, obwohl die gegenteilige Quellenlage bekannt ist. Stattdessen wird in einem Antwortschreiben, auf die Forderung der International Association Against Psychiatric Assault, der Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener, dem Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Berlin-Brandenburg und der Irren-Offensive, die über 20.000 Mordopfer von 1945 bis 1949 nicht zu leugnen, vom Hygiene-Museum ein geradezu groteskes Kriterium genannt: Die genauen Umstände jedes Einzelfalls eines Mordes müßten bewiesen sein, um zurecht von Mord zu sprechen.
So nimmt das Hygiene-Museum ab 1945 eine Beweislastumkehr vor, die dann ja auch für die Morde von 1941 bis 1945 gelten müßte. Damit wird das Systematische an den begangenen Verbrechen und die damit einhergehende systematische Vertuschung der Taten durch die Täter zulasten der Anerkennung der Opfer als Opfer ausgeblendet. Dieser perfide Zug erinnert an die höhnischen Versuche der Holocaustleugner, wenn sie behaupten, irgendwelche bestimmten kriminologischen Beweise würden fehlen und deshalb sei nur ein Bruchteil der Morde begangen worden. Er ist auch deshalb obszön, weil er dem Großteil der über 20.000 Opfer, die dann angeblich nicht ermordet wurden, unterstellt, dass sie an zu wenig Medizin, an medizinischer Vernachlässigung, gestorben seinen, sich womöglich einverständlich hätten umbringen lassen, wie damals mit dem Wort "Euthanasie" versucht wurde, das Morden wegzuleugnen und dieser Euphemismus leider bis heute verwendet wird.
Jan Groth fragte dazu Frau Uhlig.

Antje Uhlig, Projektleiterin: [ihre Anwort ist hier zu hören]

Das Museum hält also daran fest, eine Kontinuität als Bruch darzustellen. Dagegen wird am 11. Oktober ab 12.30 Uhr vor dem Hygiene-Museum demonstriert. Insbesondere abends ab 17.30 Uhr sollten möglichst viele kommen, so dass bei der Eröffnungsfeier mit Innenminister Schäuble und dem amerikanischen Botschafter, sowie Ministerpräsident Milbradt deutlich wird, dass der Geschichtsfälschung und der Verleugnung von über 20.000 Mordopfern widersprochen wird.
Bitte gebt diesen Termin 11. Oktober weiter:
Wider das Vergessen: am 11. Oktober 2006 ab 12.30 Uhr und insbesondere ab 17.30 Uhr vor dem Hygiene-Museum.

Dieser Beitrag war für das Hygiene-Museum Anlaß, eine weitere Zusammenarbeit mit coloRadio als "unseriösem Medium" zu verweigern. Einem Vertreter von Colorradio wurde die Teilnahme an der Eröffnungspressekonferenz verwehrt.


Gesendet am 11.01.2007 im Dissidentenfunk (www.dissidentenfunk.de)

Dissidentenfunk | jeden 2. und 4. Donnerstag im Monat von 16 bis 17 Uhr im Offenen Kanal Berlin | Antenne 97,2 MHz | Kabel 92,6 MHz | Livestream www.okb.de/radio.htm | Audio-Archiv www.dissidentenfunk.de/archiv