Infos zur Patientenverfügung III

Die Diskussion wird weniger sachlich als vielmehr emotional geführt, warum? Weniger weil es um den Umgang mit dem eigenen Leben geht - das könnte man ja so, wie so, in einer dann gültigen eigenen Verfügung regeln, sondern weil es

a) um die Regelungen für die Anderen geht. Herr Hefty von der F A Z hat da die Hosen runter gelassen, dass es ihm AUSSCHLIESSLICH um die Verteidigung der ärztlichen Machtstellung geht , wenn er befürchtet, dass Patienten sich mit einer wirksamen Verfügung selbstverständlich auch mehr ärztliche Leistung wünschen könnten.

b) Es gibt ein Wissen um die Schuld an den systematischen Mordaktionen an Psychiatrisierten in Deutschland. Diese Schuld ist aber NICHT eingestanden, sondern wird weiter vertuscht, wie es das Scheitern des "Haus des Eigensinns", die Staatsschutzaktionen gegen die Bonhoeffer Büsten etc. gezeigt haben. Sie kommt sogar "verkehrt" zurück in den Bemühungen eines Volker Beck, Erika Feyerabend, Oliver Tolmein etc., die sich als "Lebensschützer" gerieren und ihre Reichweitenbegrenzung als angebliche "Lehre" aus der "Euthanasie" bezeichnen.

Das begrüßenswerte Bedürfnis nach einer Anti-Nazi-Position ist meiner Ansicht nach hoffentlich die treibende Kraft für deren Engagement. Deshalb denke ich, es ist wichtig, den tatsächlichen Anti-Nazi Standpunkt aufzuzeigen.
Denn der Stünker-Entwurf ist gerade KEIN Angriff auf das Lebensrecht, weil dazu die Tötung auf Verlangen straffrei, bzw. enttabuisiert werden müsste. Im Gegenteil geht es den Stünker Gegnern tatsächlich um die gesetzliche Festschreibung einer Lebenspflicht, bzw. Pflicht zu leben, wenn sie eine Reichweitenbegrenzung durchsetzen wollen. Diese Lebenspflicht ist sicherlich plausibel religiös zu begründen, aber, und das ist der springende Punkt, genau die Säkularisierung, die Trennung von Kirche und Staat verbietet es kategorisch, daraus eine staatlich/gesetzliche geregelte Pflicht zu machen. Eine solche Pflicht haben dem Grunde nach, nur ins geradezu paradoxe Extrem überzogen, die Nazis verschärft, indem sie die Lebenspflicht als "Wehrpflicht/Tötungspflicht Anderer" dadurch durchzusetzen versuchten, dass sie einen (gescheiterten) Selbsttötungsversuch mit der Todesstrafe ahndeten. Davor und danach waren und sind es "nur" die psychiatrischen Straflager, die diese staatlich/gesetzlich sanktionierte Lebenspflicht verbrämt als angebliche "medizinische Hilfeleistungspflicht" durchsetzen sollen.

Offenkundig wird das Interesse an der Erhaltung bzw. dem Ausbau der Lebenspflicht der Stünker Gegner daran, dass sie dann, und nur dann, wenn diese Pflicht nicht mehr erfüllbar ist, also dann, wenn ein Sterbeprozess nach menschlichem Ermessen unumkehrbar eingesetzt hat, die Patientenverfügung gelten lassen wollen. Der wirklich Konsequente, der nur Lebensschützer sein will, dürfte auch diese Entscheidung nicht zulassen, wie es in Italien Gesetz ist. Auch daran sieht man, es geht gerade NICHT um Lebensschutz, sondern um Lebenspflicht.

Ich denke, der Verweis ist angebracht, dass nach dem Nazi-Horror nicht zufällig der Existentialismus als Anti-Nazi Bewegung entstand: Er betonte die Autonomie gegen den gesellschaftlichen Zugriff auf die Person. Er ist im Kern eine Verweigerung der ob religiös oder staatlich/gesellschaftlich verordneten Lebenspflicht.


Gesendet am 08.02.2007 im Dissidentenfunk (www.dissidentenfunk.de)

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