Nachlese der Berichterstattung über den Protest gegen den WPA Kongress - Teil II

Mit dem Vorschlag, Gert Postel den Nobelpreis für Medizin zu verleihen und der Begründung dafür, konnten wir sowohl inhaltlich unsere Forderungen und Aussagen zum Ausdruck bringen, als auch den Medien eine sensationelle Pressemitteilung machen, die einerseits irrwitzig erschien, aber andererseits sehr ernsthaft den Finger in die offene Wunde des Nobelpreises legte. Diese Kombination führte zu einer wahren Welle prominenter Berichterstattung in den Mainstream-Medien.

Am 1. Juni berichtet die Leipziger Volkszeitung auf Seite 4 nicht nur von unserer Nominierung, sondern auch von der Reaktion von Gert Postel darauf: Postel selbst reagierte auf den Vorstoß gestern auf Anfrage dieser Zeitung erfreut und setzte in gewohnter Weise zum nächsten irrwitzigen Höhenflug an: „Danach käme die Medizinische Fakultät der Universität Leipzig in Zugzwang und müsste mir die Ehrendoktorwürde verleihen.“

Am 2. Juni berichtet die Oberhessische Presse über  unserer Nominierung von Gert Postel für den Nobelpreises.

Und dann der erste von drei medialen Höhepunkten: die Frankfurter Allgemeine Zeitung bringt am 5. Juni einen informativen Kurzbericht über die Gründe usnerer Nominierung von Gert Postel für den Medizin-Nobelpreis:
Gert Postel, 48 Jahre alter Hochstapler, soll den Nobelpreis für Medizin bekommen. Das zumindest findet die Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener (BPE), die zusammen mit anderen Vereinen eine entsprechende Kampagne gestartet hat. Schon vor zwei Jahren hatte die BPE in einem Beschluss festgestellt, Postel habe "mit seinen existentiellen Experimenten mehrmals den Beweis dafür angetreten, dass es kein psychiatrisches Wissen gibt, sondern es sich nur um eine Täuschung handelt, die in betrügerischer Weise auf der Vorspiegelung von Wissenschaftlichkeit durch einen Jargon beruht". Mit "existentiellen Experimenten" umschreibt der Verein, dass sich der Briefträger mit gefälschten Zeugnissen auch Anstellungen als Arzt verschafft hat und in den neunziger Jahren zwei Jahre lange als "Oberarzt" und "Psychiater" im sächsischen Zschardraß tätig war. Das Leipziger Landgericht verurteilte Gert Postel dafür zu vier Jahren Haft. (reb.)

Ebenfalls am 5. Juni brachte BILD auf Seite 5 einen großen Bericht über eine 3/4 Seite, Zitat daraus:
"Im angemieteten Rathaussaal will er Stimmung gegen die Psychiater machen, am Vormittag ruft er zusammen mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener" zur Demo vor dem ICC auf. Die Mediziner sind entsetzt , sehen ihren ganzen Kongress im Verruf.... Der Ex-Hochstapler zu BILD : "Ich halte die ganze Psychiatrie für lächerlich. Da wird mit viel Wortgeschwafel heiße Luft verbreitet. Wirklich helfen kann sie nicht. Jede dressierte Ziege kann heute Psychiater werden. Hätte man sonst mich, einen Postboten, aus 40 Bewerbern für die Oberarztstelle in Sachsen ausgewählt""... Doch  der Hochstapler hat genug Fans. Wie BILD erfuhr, hat die "Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener" dieser Tage die 59 Mitglieder des Nobelpreis-Komitees angeschrieben - und Postel für den Medizin-Nobelpreis vorgeschlagen.."

Außerdem hat BILD ermittelt, dass Prof. Kallert sogar eilig Schreiben an die Medien verschicken ließ die "eindringlich vor Postels Auftritt warnen." Sollten wir vielleicht dem Prof. Dr. Kallert dafür dankbar sein, dass sein Warnbrief die Medien erst recht zur Berichterstattung angespornt hat, weil er so offensichtlich das psychiatrische Nichtwissen verbergen muss?

Dann der zweite mediale Knaller: die größte Tageszeitung in Sachsen, die Sächsische Zeitung, bringt am 6.6. einen großen Bericht sogar auf der Titelseite:

Der Hochstapler als Held
Der falsche Arzt Gert Postel führt heute in Dresden den Protest gegen einen Psychiatrie-Kongress an.

Von Heinrich Löbbers
Das wäre die Krönung einer der kurioses­ten Karrieren im ganzen Lande. Ein ge­lernter Postbote, der als falscher Arzt Karriere machte und als Hochstapler verurteilt wurde, soll den Nobelpreis für Medizin bekom­men. So fordert es jedenfalls die Bundesarbeits­gemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener. Gert Pos­tel habe bewiesen, dass es gar kein psychiatri­sches Wissen gebe und Psychiatrie gegen die Menschlichkeit gerichtet sei, so die Begründung. In der Tat hatte sich Postel ja in den 90er Jahren mit gefälschten Zeugnissen zum Oberarzt der Nervenklinik Zschadraß bei Leipzig hochgesta­pelt und wäre beinahe sogar Chefarzt des psy­chiatrischen Krankenhauses in Arnsdorf bei Dresden geworden. Seine Köpenickiade offen­barte einige Peinlichkeiten.

Das mit dem Nobelpreis ist eine verrückte Idee, die gewiss nicht erhört wird. Gert Postel aber kommt zu neuen Ehren. Heute hat er seinen großen Auftritt in Dresden - als Schirmherr der Anti-Psychiatrie-Bewe­gung. Er soll den Protest der „Psychiatrie-Erfahrenen" gegen einen internationalen Kongress anführen, den der Dresdner Professor Thomas Kallert organisiert hat. Dort wollen einige Hundert  Ärzte über Zwangsbe­handlungen in der Psychiatrie diskutieren. Aus Kallerts  Sicht können solche Zwangsmaßnah­men durchaus  gerechtfertigt sein, für die Protestierer aber sind sie Folter.

Ein Fall für Postel, der in­zwischen eine Haftstrafe ab­gesessen, ein Buch mit dem Titel     „Doktorspiele"  ge­schrieben hat und an einem weiteren schreibt. Der 48-Jäh­rige, der jetzt  in   Marburg wohnt, ist ja nicht etwa reumutig, sondern offenbar stolz auf seinen be­ruflichen Werdegang. Er habe ein „gesell­schaftskritisches Ding" gemacht und der Psychiatrie den Spiegel vorgehalten, lobt er sich selbst. In Dresden will er heute aus seinem Buch lesen und „kritische Kom­mentare" zum Kongress der „World Psychiatrie Association" verkünden. „Die Macht der Psychiatrie" heißt die Veranstaltung, für die das Rathaus um 19 Uhr sogar den  Ratssaal  zur  Verfügung stellt. In den nächsten Tagen finden zudem  Protestaktionen am Rande der Tagung im Kongresszentrum statt.

Aus Sicht der „Psychiatrie-Erfahrenen" hat Postel „einen empirischen Beweis dafür geliefert, dass es so etwas wie psychische Krankheit gar nicht gibt". Der Hochstapler ist für sie ein Held, der im Internet mittlerweile sogar einen eigenen Fanclub hat. In Dresden werden seine Fans ihrem Helden nun auch leibhaftig huldigen.

Am 7.6. bringt auch das andere große Boulevard Blatt, die Morgenpost, einen guten Artikel über die Veranstaltung im Rathaus. Sie druckt auch ein Photo unseres Protests vor dem ICC und dokumentiert ihn damit für ein großes Publikum.

Die Sächsische Zeitung berichtet ebenfalls am 7.6. von der Veranstaltung und erwähnt dabei, Zitat:
".. Er [Gert Postel] ist Schirmherr der Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-Erfahrener, die gegen den Kongress des Psychiatrischen Weltverbandes protestiert, der gerade in Dresden tagt. Gar nicht lustig findet das der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE), dessen Schirmherrin Ex-Bundesgesundheitsministerin Fischer ist. In einer Mitteilung des BPE heißt es [....] Deren Auftreten sei ein Schlag ins Gesicht von Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen. Die Behauptung, es gebe gar keine psychischen Krankheiten, degradiere diese nämlich zu Simulanten."
Damit hat der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener alle früheren Erklärungen offensichtlich widerrufen, in denen er sich gegen ein medizinisches Krankheitsmodell gewendet hatte: Er hat sich damit jetzt selbst zu einem Patientenclub der Compliance mit Ärzten erklärt, damit die ihre tatsächliche Geistesgestörtheit feststellen mögen. Mehr vorwegeilenden Gehorsam kann sich kein Machthaber von den Untertänigen wünschen.

Der drittte mediale Knaller und gewissermaßen die Krönung ist ein Fernsehbericht in den MDR Nachrichten ebenfalls am 7.6. Ein phantastischer Bericht um 19 Uhr während der besten Sendezeit, Video ansehen:  www.iaapa.de/mdr_postel.mpg
Wie voll der Rathaussaal im Kontrast zu dem nahezu überhaupt nicht besuchten WPA Kongress war, und mit welchen absurden Jargon man psychiatrischer Oberarzt wird, ist in diesem Nachrichten eines Staatssenders dokumentiert. Prof. Kallert ist für die prompte Bestätigung dieser Feststellung in dem Interview des MDR zu danken. Er gibt eine glänzend präzise Auskunft über sein Nichtwissen. Unbedingt das Video anschauen!

Zum Abschluß des Medienspiegels noch der Artikel aus dem Neues Deutschland vom 8.6.07 :
Scharfe Kritik an Psychiatrie-Kongress
(ND-Nowak)
Mit scharfer Kritik haben die in der Bundesarbeitsgemeinschaft für Psychiatrieerfahrene zusammengeschlossenen ehemaligen Psychiatriepatienten auf den Weltpsychiatriekongress reagiert, der heute in Dresden zu Ende geht. »Dem Kongress liegen Zwang und Gewalt zugrunde«, sagte der Sprecher der Gruppe, Rene Talbot, gegenüber ND. Er verwies unter anderem auf Äußerungen des Leipziger Psychiaters Thomas Kallert. Der Chefarzt einer Leipziger Klinik und Koordinator eines EU-Projekts zum Einsatz von Zwangsmaßnahmen hatte erklärt, dass Zwang in der Psychiatrie gerechtfertigt sei. »Für Gewaltmaßnahmen in der Psychiatrie kann es auch dann keine Entschuldigung geben, wenn es sich um eine medizinische Behandlung handelt«, sagte Betroffenenvertreter Talbot. Er hält den Grundsatz der persönlichen Zustimmung zu allen Maßnahmen für ein unverletzliches Menschenrecht. Das sieht auch Gert Postel – vielen noch gut aus der Presse bekannt: Postel hatte von 1995 bis 1997 als hochgelobter Oberarzt am Psychiatrischen Krankenhaus von Zschadraß gearbeitet. Durch einen Zufall wurde bekannt, dass Postel keine medizinische Ausbildung hatte. Er wurde zu einer vierjährigen Freiheitsstrafe verurteilt, die er zu zwei Dritteln absitzen musste. Seit seiner Entlassung engagiert sich Postel auch bei psychiatriekritischen Initiativen und ist mittlerweile Schirmherr des Bundesverbandes der Psychiatrieerfahrenen. Für Postel ist Psychiatrie »reine Hochstapelei«


Gesendet am 14.06.2007 im Dissidentenfunk (www.dissidentenfunk.de)

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