Dass ich heute am Mikrophon die Sendung des Dissidentenfunk moderiere, ist
Ergebnis der verbesserten Zusammenhabeit zwischen der Marburger und der Berliner
Irren-Offenisve.
So kann ich von zwei guten Nachrichten aus Marburg zu berichten:
Erstens - Gert Postel lebt inzwischen in Marburg und das schlägt
vor allem in einer Universitätsstadt, wie es Marburg ist, große Wellen.
Am 19. Januar macht er eine Lesung im Kulturzentrum Waggonhalle. Im Vorfeld
hat es dazu eine breite Berichterstattung nicht nur in Marburg gegeben:
ein großer Pressebericht erschien am 13. Dezember in der Oberhessischen
Presse,
in dem Stadmagagzzin Express wurde ein Interview mit ihm sogar auf der Titelseite
angekündigt,
die Frankfurter Rundschau hat in der bundesweiten Weihnachtsausgabe am 23.12.
einen äußerst positiven Bericht über ihn gemacht
und der Hessische Rundfunk wird am 16. Januar in der Sendung Mikado ein Life-Interview
mit ihm senden.
Ich werde außerdem im Radio Unerhört, dem freien Radio in Marburg,
ein Interview mit ihm bringen.
Zweitens - Am 19. Juni letzten Jahres platzte an der Universität
Marburg ein psychiatrische Vorlesung. Der Professor räumte ohne weiteren
Widerstand das Feld und so gab es anstatt der geplanten Zurschaustellung eines
Kindes kritische Diskussionen. Eine Gruppe von StudentInnen der Uni Marburg
hatte zusammen mit Aktivisten der Irren-Offensiven Marburg und Berlin im Hörsaal
die Regie übernommen und folgenden Text verlesen und verteilt. Wir zitieren
www.antipsychiatrie.de/io_13/vorlesung_geplatzt.htm
:
Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,
wie ihr unschwer erkennen könnt, gab es einige Umdisponierungen im Seminarplan,
so dass Thema und Sitzungsleitung heute vom eigentlichen Plan abweichen.
Statt der voyeuristischen Vorführung eines Menschen mit dem Etikett einer
psychiatrischen Diagnose, hier "Störung des Sozialverhaltens",
soll es heute um etwas anderes gehen: Auseinandersetzung mit den Methoden dieses
Seminars, mit den Grundannahmen des medizinisch-psychiatrischen Weltbildes und
der gesellschaftlichen Funktion und Auswirkung der psychiatrischen Praxis. Kurz,
heute soll etwas nachgeholt werden, das eigentlich selbstverständlich sein
sollte: Kritische Selbstreflexion.
Es gibt kaum ein Seminar, das zynischer mit seinem menschlichen Forschungsobjekt
umgeht, als es hier der Fall ist. Wir wissen von keinem anderen Fall an der
Marburger Uni, in dem Menschen so bedenkenlos und voyeuristisch zur Schau gestellt,
ihrer Würde beraubt und zum bloßen Objekt des Verfahrens degradiert
werden.
Psychiatrisch verleumdete Menschen werden ohne ausreichende Vorbereitung auf
eine Schaubühne gestellt, auf der sie den Blicken fremder Menschen schutzlos
ausgeliefert sind. Gerade Kindern und Jugendlichen bleibt keine Möglichkeit,
sich dieser entwürdigenden Zurschaustellung zu entziehen. Ihnen wird das
Recht auf Selbstbestimmung sowohl durch die psychiatrische Diagnose als auch
auf Grund ihrer Stellung als Minderjährige aberkannt.
Die in dieser Art von Vorlesungen praktizierte "professorale Gesprächstechnik"
erinnert an eine Verhörsituation. Es sollen Einblicke gewonnen werden,
welche in Gebiete vordringen, die im normalen Leben zu Recht verborgen bleiben
und zu den intimsten Bereichen der Privatsphäre zählen. Niemand möchte
alles über sich preisgeben und genau in der Kontrolle darüber, welche
Informationen, die eigene Person betreffend, offengelegt werden, liegt eine
wesentliche Grundlage der Würde eines Menschen.
In der heutigen Sitzung sollte es ursprünglich um "Störung des
Sozialverhaltens" gehen. Aber was soll eigentlich "gestörtes
Sozialverhalten" sein? Und: Ist die Ausnutzung schutzloser Menschen zum
Zwecke der Steigerung der eigenen wissenschaftlichen Reputation hierunter zu
fassen?
Offensichtlich sind hier Kriterien entscheidend, nach denen eine Kategorisierung
in richtiges und falsches Sozialverhalten vorgenommen wird. Woher aber stammen
diese Kriterien und wer definiert sie? Wenn etwa bis vor kurzem Homosexualität
als angebliche "Geisteskrankheit" angesehen wurde, die zu psychiatrischer
Verfolgung führen konnte, dann wird ersichtlich, dass diese Kriterien einem
historischen Wandel unterliegen und in den jeweiligen sozialen Kontexten und
innerhalb bestimmter Macht-verhältnisse entstehen. Verhaltensweisen, die
von der herrschenden Norm abweichen, werden zu psychischen Krankheiten erklärt.
Dies alles geschieht unter dem Deckmantel der Wissenschaft und mit staatlicher
Legitimation. Nun also ist es Zeit zu fragen: Was ist das für ein Verständnis
von Wissenschaft, das einen derartigen Zynismus zulässt?
Die psychiatrische Menschenverachtung hat in Deutschland eine besondere Tradition:
In Marburg wurde die Kinder- und Jugendpsychiatrie von den Professoren Werner
Villinger und Hermann Stutte mitbegründet. Diese haben eine prägende
Rolle für die wissenschaftliche Ideologie des Dritten Reiches gespielt.
Im Rahmen seiner Nachforschungen für seine Habilitationsschrift über
sämtliche Gießener Fürsorgezöglinge unterschied Stutte
"die Sozial Brauchbaren" von den "Sozial-Minderwertigen"
(Wolfram Schäfer: Spuren einer "verschwundenen" Habilitationsschrift,
Hermann Stuttes Forschungen in der NS-Zeit, Marburger Universitäts-Zeitung
Nr. 229 vom 19.11.1992, S.6). In dieser Zeit führte eine solche Selektierung
in der Regel zu Zwangssterilisation oder kam für die sogenannten "Unbrauchbaren"
sogar einem Todesurteil gleich.
Zu der Rolle von Stutte fand in der Oberhessischen Presse eine öffentliche
Diskussion statt, zu der sich auch Remschmidt äußerte, indem er die
Person Stuttes, vor allem unter Bezugnahme auf dessen angeblichen menschlichen
Wandel nach 1945, verteidigte.
Noch 1972 schlug Stutte "im Namen des wissenschaftlichen Beirates der Lebenshilfe'"
vor, "doch gleich alle geschäftsunfähigen Personen' sterilisieren
zu lassen - ein Vorschlag, der ganz direkt aus dem Arsenal der nationalsozialistischen
Gesundheits- und Sozialpolitik entliehen ist".
Um zur heutigen Vorlesung zurückzukommen: Es ist ja nun nicht so, dass
alle Erlebnisse der ausgestellten Menschen auch zur Sprache kommen. Ein zentraler
Bereich fällt dabei heraus: was passiert hinter den Mauern der Psychiatrie?
Das Geschehen in der Psychiatrie bleibt hinter verschlossenen Türen verborgen.
Für eine Gesellschaft ist es der einfachste Weg, Menschen, die sich nicht
anpassen können oder wollen, in die Psychiatrie abzuschieben und wegzusperren.
Die dort praktizierten Menschenrechtsverletzungen, wie erzwungene Psychopharmakaeinnahme
und Fesselung (sog. Fixierung), werden als "erzieherische" und "therapeutische"
Maßnahmen dargestellt. Dies verschleiert die gesellschaftliche Funktion
der Psychiatrie als eine Institution, mittels derer soziale Kontrolle über
Menschen ausgeübt wird.
Hier in dieser Vorlesung wird Euch suggeriert, dass ihr einen Einblick in die
Psychiatrie erhaltet, obwohl ihr nur Menschen vorgeführt bekommt, die in
ein bestimmtes "Krankheitsbild" passen sollen. Diese Menschen werden
hier nur zum Zweck der Krankheitsbestimmung instrumentalisiert.
Werden Menschen einmal als "krank" bezeichnet, so bleibt diese Diagnose
vermutlich ein Leben lang bestehen und wirkt sich dementsprechend auf alle möglichen
Lebensbereiche aus.
Liebe Studierende, bedenkt:
Warum seid ihr hier? Wie würdet Ihr Euch in dieser Situation fühlen;
vor einer Gruppe Studierender zur Schau gestellt zu werden? Reduziert auf ein
Objekt, eingezwängt in einen Diagnosenkatalog?
An diese Verlesung dieses Textes schloß sich eine lebhafte Diskussion an. Weitere solche Aktionen sind nicht nur in Marburg geplant.